Der Narr und sein König

Der Taschenspieler Joseph Fröhlich in Dresden

Der Narr und sein König

Foto: Chemnitzer Verlag

Eine Maulschelle vom König empfand er als Auszeichnung

Joseph Fröhlich war Hofnarr bei August dem Starken - Barbier, Schriftsteller, Kunstsammler und Mühlenbesitzer war er auch

Eine kesse Lippe konnte, ja musste er haben. Dabei durfte er sich mehr erlauben als andere und hatte dafür keine Strafe zu befürchten: Joseph Fröhlich, Hofnarr von August dem Starken und seines Nachfolgers Friedrich August III. Als Königlich-Kurfürstlicher Hoftaschenspieler führte er ein Leben im inneren Zirkel der Macht - in Sachsen wie in Polen. Eberhard Görner, der im Chemnitzer Verlag unter dem Titel "Ein Himmel aus Stein" bereits das Lebensbild von George Bähr, dem Erbauer der Dresdner Frauenkirche zeichnete, legt hier jetzt auch seine biografische Erzählung "Der Narr und sein König" zu Hofnarr Joseph Fröhlich vor. Uta Trinks sprach mit dem Autor, Dramaturgen und Filmregisseur.


Freie Presse: Was hat Sie an der Person des Joseph Fröhlich so interessiert, dass Sie dessen Leben erzählen wollten?

Eberhard Görner: Der Mann ist einfach eine faszinierende Persönlichkeit. Als uneheliches Kind 1694 im steiermärkischen Altaussee geboren, hat er das Handwerk des Müllers gelernt, aber es zog ihn zur Kunst. Er wanderte durch halb Europa, von Hamburg bis Bern, und erlernte gleich mehrere Berufe: Taschenspieler, Schauspieler, Barbier, Schriftsteller - und am Ende seines Lebens war er nicht nur ein beachtenswerter Kunstsammler, sondern auch ein globaler Unternehmer und Besitzer von drei Mühlen: Eine drehte sich in Altaussee in der Steiermark, und zwei andere produzierten Mehl in Mariemont bei Warschau.


Freie Presse: Wie und wann sind Sie erstmals auf Fröhlich aufmerksam geworden?

Görner: Bei den Recherchen für mein Buch "Ein Himmel aus Stein" fand ich heraus, dass Joseph Fröhlich seine Wohnung gleich hinter der Frauenkirche hatte. In einem Brief beschwerte er sich über die sich über die Jahre hinziehende Baustelle. Lärm und Schmutz waren ihm zuwider. Ich lasse ihn ja in meinem Buch "Ein Himmel aus Stein" schon mal auftauchen, auch um zu erzählen, welche widersprüchlichen Persönlichkeiten, etwa George Bähr, Erbauer der Frauenkirche, oder Joseph Fröhlich, der sich mal Bürgermeister vom Narrendorf oder auch Graf Saumagen betitelte, sich unter dem Dach des Kurfürsten von Sachsen und Königs von Polen, August dem Starken, zusammen fanden. Zum ersten Mal bin ich auf die Figur des Joseph Fröhlich 1993 aufmerksam gemacht worden, bei einem Besuch bei Klaus Maria Brandauer in Altaussee. Er erzählte mir, dass seine Frau Karin einen Film über Joseph Fröhlich drehen wollte, wozu es durch ihren frühen Tod nicht mehr kam, und er fragte, ob mich als geborener Sachse das Thema nicht reizen würde. Seitdem geistert Fröhlich durch meinen Kopf - und jetzt ist er endlich im Buch lebendig geworden. Ich habe es Klaus Maria Brandauer gewidmet. Fröhlich und Brandauer sind Kinder der Steiermark. Ersterer hat sächsische und europäische Geschichte geschrieben, letzterer ist ein Weltstar. Aber ohne die Landschaft ihrer Kindheit hätten wohl beide nicht so eine bezaubernde Biografie.


Freie Presse: Welche Quellen konnten Sie für Ihre Recherchen nutzen?

Görner: Ich habe mich auf die Spuren von Joseph Fröhlich begeben: von Altaussee in das Kloster Waldsassen. Von Bayreuth nach Weimar und Leipzig, Wurzen, Hubertusburg, Kloster Altzella, Freiberg und Dresden. Es ging in die Sächsische Schweiz und nach Schloss Königswusterhausen bei Potsdam. Im Schloss Wilanow bei Warschau war zu recherchieren, und mit Klaus Maria Brandauer habe ich mich in Berlin getroffen, um noch einmal von ihm zu hören, warum seine Frau Karin die Figur des Fröhlichs filmwürdig fand. Es mussten unzählige Bücher gelesen und Archive besucht werden, und die Phantasie half mir, Dichtung und Wahrheit miteinander zu verknüpfen.


Freie Presse: Was haben Sie dabei herausgefunden, welcher Mensch war dieser Joseph Fröhlich?

Görner: Er war ein kluger Mensch. Er hat nie vergessen, aus welch armen sozialen Verhältnissen er kam. Er war ein guter Mensch. Er hat vielen geholfen, weil er das Ohr des Königs besaß. Er war ein Multitalent: Müller, Magier, Schauspieler, Schriftsteller, Designer, Kunstsammler und Unternehmer.


Freie Presse: Die Stellung des Hofnarren zu Zeiten Augusts des Starken - wie muss man sich die konkret vorstellen? Welche Aufgaben hatte der Narr, konnte er sich wirklich alles erlauben oder welche Spielregeln galt es zu beachten?

Görner: Es klingt widersprüchlich. Aber eine Maulschelle vom König empfand Fröhlich als Auszeichnung. Er war aber auch der Einzige, welcher zum König "Du" sagen durfte. Seine Nähe zum König schaffte ihm natürlich viele Neider bei Hofe, bei gleichzeitig steigender Anziehungskraft seiner nicht zu übersehenden Persönlichkeit. Immerhin: Sein Porträt steht aus Meißner Porzellan im Zwinger und als kunsthandwerkliche Kostbarkeit im Grünen Gewölbe.


Freie Presse: 1725 weilte Fröhlich erstmals am sächsischen Hof, 1727 wurde er Königlich-Kurfürstlicher Hoftaschenspieler. Welche Situation fand er da bei seinem Arbeitgeber vor?

Görner: Als Fröhlich 1727 nach Dresden kam, war August der Starke bereits ein kranker Mann. Die Politik hetzte ihn erbarmungslos zwischen Dresden und Warschau hin und her. Auch mit der Liebe zu schönen Frauen war es vorbei. Mir scheint, der Kurfürst von Sachsen und König von Polen, August II., hatte in seinen letzten Lebensjahren Lust nach der Wahrheit, verbunden mit geistvoller Unterhaltung. In Joseph Fröhlich fand er genau das, was er suchte.


Freie Presse: Was sagen die Quellen über das Verhältnis von August dem Starken zu seinem Hofnarrn?

Görner: Der König hat seinen Narren gut behandelt und gut bezahlt. Er hat Fröhlichs Nähe gesucht. Es war wohl die außergewöhnlichste Männerfreundschaft, die man sich denken kann. Für das Zeithainer Lager 173o hat er für Fröhlich extra einen Zahl-Taler heraus gegeben, mit der Prägung: "Immer fröhlich, niemals traurig." Fröhlich war ein privilegierter Narr. Sein Narrenhäusl an der Elbe war kein Häusl, sondern ein Palais!


Freie Presse: Da August der Starke nicht nur Kurfürst von Sachsen, sondern auch König von Polen war, reiste er ständig zwischen beiden Ländern hin und her. Der Hofnarr war mit von der Partie. Welche Bedeutung hatten die Polen-Aufenthalte für Fröhlich?

Görner: Joseph Fröhlich war in seiner Zeit ein Weltbürger. Er reiste zwischen seinem Heimatort Altaussee in der Steiermark, Dresden und Warschau hin und her. Unter August dem Starken erblühte Warschau zu einem barocken Juwel. Fröhlich erlebte große Feste an der Weichsel wie an der Elbe, und er sah, wie gut die Zusammenarbeit zwischen sächsischen Architekten und polnischem Handwerkerkönnen für die sächsisch-polnische Union "unter einer Krone" funktionierte. Polen knüpft an diese Glanzzeit bewusst an mit dem 2oo4 gefassten Regierungsbeschluss, die unter August dem Starken im Zentrum von Warschau gebaute barocke Sächsische Allee mit ihren Palais und Gartenanlagen wieder aufzubauen. Und was Fröhlich betrifft: Er war eben nicht nur Narr, sondern auch Ratgeber für seinen sächsisch-polnischen König.


Freie Presse: Zuerst haben Sie sich mit George Bähr beschäftigt, nun folgt sein Zeitgenosse Joseph Fröhlich. Was macht für Sie diese Epoche der sächsischen Geschichte so spannend?

Görner: Es war eine Zeit des goldenen Dreiecks von Wirtschaft, Kultur und Politik. Alle drei Felder wurden, um im Bilde zu bleiben, gleichberechtigt beackert. August der Starke hat sich genauso um die Entwicklung des sächsischen Bergbaus gekümmert wie um Architektur. Er verkörperte absolute Toleranz. Obwohl er zum katholischen Glauben übergetreten war, hat er trotzdem eine der größten protestantischen Kirchen Europas, die Dresdner Frauenkirche, gefördert. Seine Politik war weitsichtig: Europas beste Geister waren gern gesehene Gäste in Dresden und haben Kunst und Kultur dieser Stadt wie bei keiner anderen geprägt. Fröhlich hat darum gewusst, deshalb ist er zielgerichtet von Bayreuth nach Dresden gegangen. Ein Schritt, den er sein Leben lang nicht bereuen musste.


erschienen in der Literaturbeilage der Freien Presse, 6. März 2009

Autor: Eberhard Görner
 

Der Narr und sein König Chemnitzer Verlag

256 Seiten, mit Zeichnungen von Ingolf Höhl

Preis: 17,80 Euro

ISBN: 978-3-937025-49-0

Erscheinungsjahr: 2009

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