Das große Buch vom Vogtland - Rezension
Wochenende vom 24.12.2001
Freie Presse Wochenende vom 24.12.2001
Drehturm, Zuckermännel und "Grügeniffte"
Auch das Vogtland ist ein "Weihnachtsland" - Gepflegt werden alte Bräuche wie anderswo, aber ebenso ganz eigene Traditionen vom "Flurfleck" bis zum Heiligabend. Führt auch das Vogtland nicht die Beifügung "Weihnachtsland", wie das Erzgebirge, so wird hier das Fest mit ebenso vielfältigen Bräuchen begangen. Es ist neben der Kirmes das größte Fest im Jahresverlauf.
Die Vorbereitungen beginnen lange vorher, oftmals schon kurz nach dem "Flurfleck", dem Ernteabschluss im Vogtland, und dauern über die Wochen. Früher stand dabei im Mittelpunkt das Ausbacken der Zuckermännel, des Weihnachtsstollens beim Bäcker, der Besuch des Weihnachtsmarktes, das Aufstellen der weihnachtlichen Figuren, die Besorgung des Christbaums, das Bekleben des Moosmannes mit neuem Material.
Zu den weihnachtlichen Gestalten gehört der "Rupperich" (Knecht Ruprecht). Im östlichen Vogtland heißt er seines Furcht erregenden Aussehens wegen "Kettenrupperich" oder "der Biese vun dr Winselburg". In seiner Begleitung befindet sich das freundliche "Bornkinnel". Beide werfen Geschenke für die Kinder durch das Fenster. Erstmals geschieht dies am Nikolaustag.
Seit dem 1. Advent steht der Licht tragende Moosmann im Fenster, die eigenwillige vogtländische Weihnachtsfigur. Sie hat vor allem in der Gegend zwischen Falkenstein und Schöneck ihre Heimat. Vermutlich wurde sie von der Sagengestalt des Moosmännleins abgeleitet.
Das Kernstück des Moosmanns ist der "Bankert", ein einfaches Holzgestell. Der Rumpf hat eingesteckte Beine und angenagelte Arme. Füße, Hände und Kopf sind meist aus Holz geschnitzt. Auch Puppenköpfe aus Porzellan werden verwendet. Der Anzug ist mit Steinmoos beklebt, das man vor dem ersten Schnee aus dem Wald holt. Es gibt auch Moosmänner völlig aus Holz geschnitzt und mit Moos beklebt. Die Moosmänner haben gewöhnlich in der einen Hand einen Stock, in der anderen tragen sie eine Kerze.
Die ältesten Moosmänner gab es in Falkenstein, sie stammen aus dem Jahre 1840. 1867 konnte man Moosmänner auf dem Markt in Reichenbach kaufen, und 1900 sind sie auch in Elsterberg bekannt. Der Platz des Moosmanns ist die Fensterbank. Er muss hinausschauen können, dann kommen keine bösen Geister ins Haus. Ihm zur Seite stehen Lichterpuppe, Lichterengel, Bergmann, Nussknacker und Räuchermann. Ihnen haben sich neuerdings Schwibbogen zugesellt, die aus dem benachbarten Erzgebirge kommen.
In den meisten Stuben steht inmitten des Paradiesgärtchens oder auf einem separaten Tischlein der Drehturm, die vogtländische Variante der Weihnachtspyramide. In der Falkensteiner Gegend baut man turmartige Häuser, versieht sie mit einem Flügelrad, das durch die aufsteigende Wärme untergestellter Kerzen die an einer drehbaren Welle befestigten Etagenteller betreibt. Auf ihnen befinden sich Figuren aus der unmittelbaren Umwelt der Schöpfer, wie Handelsleute, Förster, Pilzsammler, Postboten. Die Figuren sind aus Pappmasse, gedrechseltem oder beschnitztem Holz.
Höhepunkt des Festes ist der Heiligabend. Am Vormittag putzt die Familie den Christbaum an, schmückt ihn mit Lametta und Zuckermännel. Ihr Backen ist im oberen Vogtland eine alte Volkskunst in der Weihnachtszeit. Sie ist vor allem aus Gunzen, Werda und Theuma bekannt und geht auf den Bäcker Salomi Günnel zurück, der um 1800 die Dorfbäckerei in Werda übernahm und "Zuckermännel" im Angebot hatte. Deshalb singen die Kinder auch:
Wue kumme de schänn Männle her?
Vun Wer daun aus dr Uefenrähr ...
Andere Stadt- und Dorfbäcker folgten. Nach und nach wurden auch in den Familien Zuckermännel gebacken, die damit eine Kinderfreude bereiteten oder sich im Hausierhandel, auf Messen und Märkten, einen Nebenverdienst sicherten.
Zuckermännel sind ein kleines Bildgebäck. Der Teig besteht aus Mehl, Eiern, Wasser, Milch. Als Treibmittel dient Hirschhornsalz. Aus den Zutaten wird ein rollfähiger Teig bereitet, dünn ausgewalzt, und daraus sticht man mit dem "Firmer" Figuren aus. Das sind vom Flaschner aus Weißblech hergestellte Formen, die z. B. der Bäcker von Gunzen an die Dorfbewohner verlieh. Der Formenreichtum entstammt dem Arbeits- und Lebensbereich. Oft sind überlieferte Sinnbilder darunter, wie Vögel, Hasen, Hähne, Männel und Weibel, Schlüssel, Trompeten. Ausgebacken werden die Figuren in mehrstöckigen Öfen. Die Figuren müssen danach durchgebacken, jedoch noch von weißer Farbe sein. Die Bemalung erfolgt mit roten, grünen, seltener mit gelben Farben. Jede Familie hat dabei ihre Eigenart, mit Punkten, Strichen, Kringel, Wellenlinien das Gebäck zu verzieren. Auf manches Stück ist ein Sprüchlein geschrieben. Die Zuckermännel werden mit einem Faden versehen und als Baumbehang gemeinsam mit Äpfeln und vergoldeten Nüssen genutzt.
Für den Tag, vor allem für die am nächsten Abend beginnenden zwölf Inter- oder Unternächte, herrschen viele Gebote und Verbote, die örtlich recht verschieden sind. Einheitlich ist: Schlag 18 Uhr brennen alle Kerzen, und die Familie setzt sich zum gemeinsamen Essen an den Tisch. Es gibt "Neunerlei", d. h. neun verschiedene Speisen. Sie sind in den Orten unterschiedlich: Bratwurst, Gänse-, Kaninchen-, Rinder- oder Schweinebraten. Dazu isst man grüne Klöße, "Grügeniffte", wie sie im Vogtland heißen. Als Zubrot gelten: Linsen, Hirsbrei, Semmelmilch, Sellerie, rote Rüben, Sauerkraut. Jede Speise hat eine symbolische Bedeutung: z. B. Klöße bringen Taler, Linsen Groschen, Hirse Kleingeld, Sauerkraut langes Stroh auf dem Acker.
Nach dem Essen kommt Knecht Ruprecht, um die Kinder zu bescheren. Er gibt seine Gaben erst frei, lösen sie die Kinder durch ein Verslein ein, wie:
A Pfaerl zon Reiten
und a Boibel zon Kleiden
und a Klingel zon Klingen
wird's Bornkinnel bringen.
Ist er gegangen, beschert sich die übrige Familie gegenseitig. In manchen Familien erfolgt das erst am anderen Morgen vor dem Mettengang. Den selbstgebackenen Weihnachtsstollen schneidet man nach der Bescherung an. Am zeitigen Morgen des Weihnachtstages besucht die Familie die Metten.
Früher hing der Christbaum wie ein Leuchter an der Decke. Man streute Stroh in die Stube in Erinnerung an den Stall von Bethlehem. Neu zu den überlieferten Bräuchen ist das Beleuchten der Fenster und der im Garten stehenden Nadelbäume gekommen, das Aufstellen von Ortspyramiden vor Rathäusern und auf Marktplätzen sowie das Weihnachtssingen. Service Dieser Text stammt aus: "Das große Buch vom Vogtland" von Manfred Blechschmidt und Klaus Walther. Chemnitzer Verlag. 240 Seiten. 34,80 Mark/17,80 Euro. ISBN 3-928678-52-3. Das Buch ist in den Geschäftsstellen der "Freien Presse" sowie im Buchhandel erhältlich. Weihnachtsausstellung im Vogtland: Im Falkensteiner Museum ist eine vorweihnachtliche Stube nachgebildet, in der Moosmänner entstehen.
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